In einer von Alperia beauftragten Studie hat ein interdisziplinäres Team des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit der Freien Universität Bozen die wirtschaftlichen und ökologisch-sozialen Auswirkungen des geplanten Pumpspeicherwerks in Ulten analysiert. Die Ergebnisse zeigen klare wirtschaftliche Vorteile auf, verdeutlichen aber auch, dass einige Faktoren im Vorfeld besonders berücksichtigt werden müssen.
Der Diskussion um das geplante Pumpspeicherwerk im Ultental mit wissenschaftlich erhobenen Daten eine sachliche Grundlage zu geben: Das ist das Ziel einer Potenzialanalyse, die im Auftrag von Alperia von einem interdisziplinären Forschungsteam am Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit der Freien Universität Bozen durchgeführt wurde. Unter Koordination von Prof. Massimiliano Bonacchi (unibz) und der Forscherin Sarah Russo (Universität Manchester und Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit der unibz) wurden die wirtschaftlichen Auswirkungen der Investitionen, das Potenzial für den lokalen Tourismus, der ökosoziale Mehrwert der Kompensationsmaßnahmen des sogenannten Ultner Pakets und Auswirkungen auf den Verkehr untersucht. Zusätzlich wurden vergleichbare Großprojekte in ganz Europa analysiert.
Auf wirtschaftlicher Ebene wurde mit einer Input-Output-Analyse untersucht, wer von der rund 700 Millionen Euro schweren Investitionen in das Großprojekt profitieren würde. Das im Auftrag der Handelskammer Bozen auf Südtirol angepasste Analyseinstrument des Instituts Istituto Regionale Programmazione Economica Toscana Irpet (Irpet) erlaubt es, nicht nur direkte, sondern auch indirekte und induzierte Effekte der Investitionen zu schätzen.
Für die gesamte Provinz wird erwartet, dass die Investition für die Unternehmen der Provinz potenziell einen zusätzlichen jährlichen Umsatz in Höhe von 152 Millionen Euro generieren kann. Bei einer fünfjährigen Bauzeit wären das insgesamt 760 Millionen Euro. Davon profitieren würden nicht nur das Baugewerbe, sondern insgesamt 37 Sektoren in ganz Südtirol – von Immobilien, Transport oder Finanzwesen bis hin zum Gastgewerbe. Insgesamt bräuchte es in dieser Phase mehr als 1000 – bestehende wie neue – Arbeitskräfte, die über ihre Löhne wiederum für zusätzlichen lokalen Konsum, also sogenannte induzierte
Effekte, sorgen. Nach Inbetriebnahme der Anlage wird auf Provinzebene mit einer zusätzlichen jährlichen Wertschöpfung von 58 Millionen Euro gerechnet.
In der Analyse wurde auch untersucht, welche wirtschaftlichen Effekte das Projekt in Ulten hätte. Dafür wurden alle im Tal ansässigen Unternehmen berücksichtigt und geschätzt, wie stark sie von der Baustelle profitieren können. Das Ergebnis? Jährlich wird von einem zusätzlichen Umsatz in Höhe von rund 39 Millionen Euro für die Wirtschaft vor Ort ausgegangen. Das ergib in fünf Jahren 195 Millionen Euro, von denen insgesamt 22 Sektoren profitieren könnten. Somit würde rund ein Viertel des geschätzten Produktionswerts direkt im Tal generiert.
„Das wirtschaftliche Potenzial dieses Projekts ist ohne Zweifel erheblich“, sagt der Leiter der Studie Prof. Massimiliano Bonacchi. „Seine konkrete Realisierung und Verteilung wird jedoch von den operativen Entscheidungen sowie der Fähigkeit der einzelnen Akteure abhängen, sich entsprechend zu aktivieren und zu positionieren.“
Ähnliches gilt auch für zwei weitere Bereiche, die in der Studie im Detail analysiert wurden: das Potenzial des Projekts für den lokalen Tourismus sowie seine Auswirkungen auf den Verkehr. Laut aktuellem Planungsstand bis zu 370 Arbeitskräfte auf der Baustelle tätig sein. Daraus ergeben sich in Spitzenjahren bis zu 92.500 zusätzliche Übernachtungen pro Jahr, womit der aktuelle Auslastungsgrad der 120 Ultner Beherbergungsbetriebe von aktuell im Jahresdurchschnitt 35 auf bis zu 48 Prozent gesteigert werden könnte. Die direkten Ausgaben der involvierten Arbeitskräfte für Kost und Logis werden für fünf Jahre Bauzeit mit sehr konservativen Annahmen auf 18 Millionen Euro geschätzt.
Dabei muss laut Forscherin Sarah Russo allerdings berücksichtigt werden, dass die Bettenauslastung in den Sommermonaten Juli und August bereits sehr hoch sei. Um das Potenzial ausnutzen zu können und herkömmliche Gäste nicht abzuschrecken, legt das Forschungsteam den Verantwortlichen nahe, in enger Absprache mit den lokalen Stakeholdern und frühzeitig zu planen, wo die Arbeitskräfte untergebracht werden, und dabei auf eine gute Balance zwischen den Bedürfnissen der Hoteliers, der Bevölkerung und des Bauunternehmens zu achten.
Heikel könnte sich ohne eine entsprechende Organisation auch die Verkehrsbelastung durch die Baustelle entwickeln, warnt das Forschungsteam. Eine Simulation auf Basis von Daten, die von Alperia bereitgestellt wurden, ergibt während den intensivsten Perioden der Bauzeit eine Belastung von durchschnittlich 16 Schwerfahrzeug-Durchfahrten pro Tag. „Wie bewältigbar das für das Tal ist, hängt davon ab, wann die Fahrten durchgeführt werden“, sagt Prof. Bonacchi, der nahelegt, Stoßzeiten von Arbeits- und Urlaubsverkehr zu meiden. Für den Leichtverkehr sei dagegen essenziell, dass möglichst viele
Beschäftigte in der Nähe der Baustelle untergebracht werden, um keinen zusätzlichen Verkehr zu schaffen.
Was das sogenannte Ultner Paket betrifft, hat das Forschungsteam die Auswirkungen der geplanten Benefits von Alperia für die Bevölkerung, Unternehmen und das Skigebiet Schwemmalm berechnet. Demnach sollte sich für private Alperia-Kunden im Tal eine Ersparnis der Energiekosten von durchschnittlich 73 Prozent ergeben; beim Skigebiet Schwemmalm ergibt die Analyse ebenfalls eine Einsparung von rund 70 Prozent. Für Betriebe ergab sich dagegen ein Wert von bis zu 2.300 Euro jährlich, der je nach Branche und Größe erheblich variiert.
„Dieses Paket ist als Diskussionsgrundlage zu sehen und natürlich sind wir auch bereit, darüber noch zu diskutieren“, so Alperia Generaldirektor Luis Amort, der auch betont wie wichtig es sei, eine unabhängige, wissenschaftliche Studie zu den wirtschaftlichen und ökologisch-sozialen Auswirkungen des Projektes für das Ultental in Händen zu halten.
Die Potenzialanalyse der unibz enthält auch zusätzliche Vorschläge für das Bürger:innen-Paket, für das Alperia insgesamt 14 Millionen Euro vorsieht. Darüber hinaus wurden neun Projekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien ausgewählt, die mit dem Vorschlag für das Ultental vergleichbar sind. Auf Basis von Daten und Interviews mit den jeweiligen Projektmanager:innen analysierte das Forschungsteam die jeweiligen Auswirkungen solcher großer Energie- und Infrastrukturprojekte sowie die häufigsten damit verbundenen Konflikte. „Wir haben gesehen, dass fast alle dieser Projekte mit großen wirtschaftlichen Vorteilen verbunden sind“, sagt Forscherin Sarah Russo. „So gut wie immer gibt es auch Konflikte und Proteste gegen die Projekte. Als entscheidende Faktoren, um das Potenzial der Investitionen nutzen zu können und einen gesellschaftlichen Konsens zu erreichen, erweisen sich in diesen Case Studies Transparenz, ein kontinuierlicher Dialog und eine echte Einbindung der Bevölkerung.“